Mein Abschiedsbrief
Gestern auf der Heimfahrt durch ein Waldstück bei Gmunden ist mir eingefallen, dass ich vor einigen Jahren einen Abschiedsbrief geschrieben habe. Ich war damals am Anfang meines Publizistikstudiums und hatte das Glück, eine ziemlich coole Professorin zu haben, die uns für die Sommerferien die ungewöhnliche Aufgabe stellte, einen Abschiedsbrief zu schreiben und Bilanz über unser bisheriges Leben zu ziehen. Und irgendwie dachte ich mir gestern, dass das eigentlich eine verdammt gute Idee von ihr war und dass es an der Zeit wäre, vielleicht mal wieder so einen Brief zu schreiben. Man hat im Leben selten diese Einschnitte, lebt oft jahrelang in Routinen, ohne Bilanz zu ziehen, ohne sich darüber klar zu sein, wo man hin möchte. Ich denke, einen Abschiedsbrief zu schreiben, kann in dieser Hinsicht therapeutisch sinnvoll sein und ist obendrauf eine super spannende Aufgabe.
Nun denn, zu meinem etwas rohen Abschiedsbrief von 2020:
Abschiedsbrief:
Ich bin 30 Jahre alt, Student und Musiker. Ich wollte diese Aufgabe weder denjenigen überlassen, die mich vermissen oder von denen ich annehme, dass sie mich vermissen werden, noch von den Menschen in meinem Leben, die vielleicht ein bisschen froh darüber sind, dass ich ihnen keine Schwierigkeiten mehr mache oder aber den Personen, die mich gar nicht kennen und für die die Nachricht meines Nicht-Mehr-Daseins gar keinen Unterschied macht. Damit eine Botschaft einen Unterschied machen kann, benötigt sie einen Wert, den sie zu einem großen Teil erst durch die EmpfängerIn der Botschaft erhält.
Vorerst ist es aber so, als wäre ich noch gar nicht weg, aber nur, um mit euch zu diskutieren. Auch wenn die schlechte Nachricht „mich gibt es nicht mehr“ auf den ersten Blick für meine nahen Verwandten und Freunde ganz besonders erzählenswert erscheint, möchte ich euch auch den Blick auf die verborgenen Vorzüge lenken und konstruktiv nach vorne schauen.
Das schlechte Vorweg:
Wir fangen mit dem Schlechten an, kurz und knapp: Johannes ist nicht mehr. Das Gute daran ist jedoch, dass zahlreiche psychologische Studien darauf hinweisen, dass eine schlechte Nachricht, gefolgt von einer guten Nachricht, weitaus weniger schlimm aufgenommen wird als umgekehrt. Also möchte ich mich auch an diese Reihenfolge halten:
Es ist wahr, ich weile nicht mehr unter euch, kein Freitagabendbier im Cafe Kreisky, keine Kletterausflüge, keine abendlichen Telefonate über Gott und die Welt. Kein gemeinsames Lachen mehr und keine gemeinsamen Urlaube mit meiner Freundin. Jetzt wird es wirklich bitter, wir werden nicht gemeinsam alt werden und ich werde nicht erleben, wie unser Sohn aufwächst und auch nicht meinen Beitrag leisten können, den ich mir so sehr gewünscht hätte.
Ich werde euch alle vermissen. Von ganzem Herzen.
Konstruktive Gedanken
Mit dem Leben verhält es sich nicht so, wie mit dem Wert von vielen anderen Dingen im Leben selbst, deren Wert man erst dann bemisst, wenn man sie nicht mehr hat. Denn das Leben ist, sobald man es selbst nicht mehr hat, nur schwerlich zu vermissen. Das ist die gute Nachricht für mich und vielleicht liegt darin auch für euch ein gewisser Trost. Die andere gute Nachricht, die ich euch mitgeben möchte: Lebt weiter mit viel Humor und nur wenig tragisch. Denn dem Leben ist eine gewisse Ironie nicht abzusprechen. Schließlich hat sich keiner aussuchen können, daran teilzunehmen und der einzige Ausweg ist wiederum der Tod, man hat also keine Wahl. Wir leben einen ersten Versuch und können daher oft nur schwer sagen, ob wir etwas Gut oder Schlecht gemacht haben, deshalb können wir mehr oder weniger zufrieden mit unseren Streben sein.
Eine weitere gute Nachricht ist, dass Sterben an sich eigentlich gar nicht so besonders ist. Es haben schon viele vor uns getan und es werden noch viel mehr nach uns tun. Der Nachbar, der Postbote oder der Bäcker der uns morgens Brötchen backt. Ob Napoleon oder Franz Kafka, vom Sonnenkönig bis zum armen Bettler, gestorben sind sie noch alle. Und in diesem Punkt sind wir alle gleich. Qualifikationen oder Vorbereitungen brauchten sie dafür keine. Sind nun frei von Leben, aber auch frei von Sorgen.
Ein Freund sagte einmal zu mir: „Mach dir keinen Kopf, die längste Zeit liegst du sowieso unter der Erde“. In diesem Sinne möchte ich euch zu einen gleichmütigen, aber auch zufriedenen und nach vorn gerichteten Blick durchs Leben ermuntern.
Das Gute zum Schluss
Befreit von GIS und Steuer, geht es mir vermutlich recht gut auf meiner Wolke mit Napoleon und Che Guevara. Am Abend spielen wir Karten und schauen manchmal von oben auf die kleine Welt, mit ihren vielen kleinen und großen Problemen, die in den kleinen Häusern schlummern. Wir hätten das Leben weniger ernst nehmen sollen.
Meinen Freunden wünsche ich ein spannendes und erfülltes Leben, mit vielen kleinen Abenteuern und schönen Momenten. Man darf sich nicht täuschen lassen, das Leben lässt sich nicht in Zeit bemessen, nur das Alter der Leute.
Wenn ich an meinen Sohn denke, bin ich überzeugt davon, dass er auch ohne mich zu einem glücklichen Menschen heranwachsen wird. Woher ich das weiß? Weil ich seine Mutter sehr gut kenne.
Beim Lesen meiner Worte habe ich mir gedacht: Es hat sich viel verändert und irgendwie auch nicht. Mir kommt es so vor, als hätte ich etwas von meiner Leichtigkeit eingebüßt, vielleicht auch etwas Mut für das Leben unterwegs liegen gelassen.
Hin und wieder ist es jedenfalls wichtig, sich zu fragen, wo man steht. Und gerade auch im zeitlichen Verlauf. Bin ich dort, wo ich sein will, oder bewege ich mich zumindest in die Richtung? Gibt es Stellschrauben, an denen ich drehen könnte? Will ich so in zehn Jahren noch leben?
Vielleicht seid ihr auch ein bisschen davon inspiriert und verfasst selbst einmal einen Brief. Das geht ja auch ganz privat.
Auf der anderen Seite erinnere ich mich auch daran, dass es damals sehr schmerzlich war, den Brief zu schreiben, weil kurz vorher mein Vater verstorben war. Mein fiktiver Tod hat sich irgendwie mit dem Verlust von ihm vermischt; so als wäre ich ein bisschen er und er ein bisschen ich (falls das irgendwie Sinn ergibt?).
Ich habe jedenfalls noch viele Ideen und Pläne im Kopf, aber auch fünf Jahre später ist immer noch viel an mir Baustelle, die die Umsetzung dieser Pläne oft verzögert. Wenn ich einen ruhigen Tag finde, werde ich eine aktualisierte Version verfassen, Bilanz ziehen und sie mit euch teilen. Wie immer im Leben, gibt es viel zu lernen.
Alles Liebe
Johannes


Had to translate into English bc my dumb American brain can’t understand (much of) German but writing about a fictional death of thyself is something I’ve always wondered about. Beautiful and bittersweet.
Strange how time flies. Who we were then and who we are now. It’s one of the reasons I’ve always enjoyed your work as it flips between the meditations of then and now. Really great work Johannes. Thanks for sharing.
🫂💛