Raumbestimmungen
Am Anfang war der bedeutungsleere Raum, der sich richtungslos und unbestimmt ausdehnte. Dann geschah lange Zeit nichts oder besser gesagt, es gab niemanden, der bezeugen hätte können, dass sich etwas ereignet hatte. Auch wenn sich die damalige Welt ganz wesentlich von unserer unterschied, sah sie doch ganz ähnlich aus: In den Flüssen schwammen Fische, am Himmel kreisten Vögel, im Schutz des Waldes versteckte sich das Wild und am Abend sah man, wie die Sonne am Horizont verschwand. Es gab schneebedeckte Gipfel und tiefe Schluchten, karge Wüsten und grünes Land. Aber nichts von dem, was das Auge erblicken konnte, nicht die Blätter, nicht Blüten oder Bienen, nichts von alledem hatte einen Namen.
Unter den Tieren waren auch die frühen Menschen, deren Leib aus Lehm und Asche geformt war. Jene Menschen, deren Körper und Köpfe hohl waren, verstanden jedoch nicht, was um sie geschah. Ihre Zunge konnte noch keine Laute formen, weshalb nur ein mühevolles Stöhnen zu vernehmen war. Ebenso waren ihre Augen nach innen gekehrt, weshalb sie sich blind und schutzlos durch die Landschaft wankten. Ihre Hände suchten wahllos in der Dunkelheit und als sich ihre Augen nach außen kehrten, blickten sie um sich, aber noch immer hatte nichts einen Namen.
Da ihre Augen aber nun sehend waren, erkannten sie Farben und Formen in ihrer Regelmäßigkeit und jene Regelmäßigkeit verdichtete sich zu Strukturen. Diese Strukturen galt es nun mit Bedeutung zu erfüllen, so formten die Lippen einfache Laute und diese Laute formten wiederum die Lippen, den Geist, bis daraus Worte wurden. Neben Bergen, Tälern, Tieren und Menschen gab es nun die Worte, die sich wie ein feines Gewebe über all das legten, was vorher bereits geboren war. Anstelle jeder Regelmäßigkeit und jedes Unterschieds trat ein Wort. Als Sonne, Mond und alles andere ihre Namen hatten, war alles, was man erblicken konnte, mit Bedeutung erfüllt.
So schuf der Mensch für sich allein eine zweite Welt, indem er das Unerklärliche und das Unbestimmbare unter seinem Gewebe aus Bedeutung und Sinn verschloss. Nun war dieses Gewebe für den Menschen dreierlei: zum einen die Erklärung der Dinge, darüber hinaus die Dinge, wie sie erschienen, und zum anderen die Möglichkeit zur freien Handlung. Indem nämlich durch Worte das beschrieben war, was sich unmittelbar vor dem Auge des Einzelnen abspielte, konnte man durch Worte auch das beschreiben, was sich dem Blick entzog und auf diesem Weg kamen die Vergangenheit, das Vorgestellte und die Zukunft in das Leben der Menschen.
Denn dem Menschen, dem es im Gegensatz zu den Tieren an Krallen und scharfen Zähnen mangelte, dem Menschen, der weder im Wasser noch im Himmel beheimatet war, der nicht schnell schwimmen oder wie die Vögel davonfliegen konnte, blieb nur die Zuflucht in der Deutung seiner Welt, blieb nur das Vorhersehen der Zukunft, um sich selbst zu schützen. Aus seinen Handlungen wurden mit der Zeit verfestigte Blöcke, nach deren Logik er seine Gemeinschaft ausformen konnte.
Da der Raum nur ausgehend von der Position des eigenen Körpers zu bestimmen war und die Augen des Menschen nur an einer Seite des Kopfes angebracht waren, konnte der Blick immer nur nach vorn oder hinten gerichtet werden. Aus vorn und hinten entstand das Bevorstehende und das Zurückliegende, womit die Verbindung zwischen Raum und Zeit geschaffen war, sodass der Mensch seine Umwelt als Erinnerungsort und auf sein Handlungspotential hin deuten konnte.
Da der menschliche Geist aber nicht aus dem Körper schlüpfen konnte, mit dem Körper also der erste Fixpunkt im Raum festgelegt war, differenzierten sich von dort Deutungen aus und sie legten sich als verschiedene, sich gegenseitig überschneidende Horizonte über den Raum. Der Mensch bearbeitete den Raum auf das hin, was er dort noch nicht finden konnte und war damit ein Prometheus für sich selbst.
Die Fotografien entstanden in einem verlassenen Bürokomplex im Donauraum, Wien. Ich fahre dort regelmäßig vorbei und trage den Gedanken, das Gelände zu erkunden, schon seit längerer Zeit mit mir herum. Gestern war es dann so weit. Ich stellte mein Auto an einer nahegelegenen Tankstelle ab und machte mich mit meiner Fuji auf die Suche.
Der Text ist bereits einige Jahre alt. Damals habe ich mich an einem Gründungsmythos versucht, der die Entstehung von Bedeutung, Raum und Zeit aus der Perspektive des Menschen erzählt. Beim Durchsehen der Fotografien musste ich wieder daran denken. Was ich damit eigentlich wollte, weiß ich heute nicht mehr genau.
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Tja. Damit habe ich wieder mal Mühe:
Der Text ist sprachlich sorgfältig gebaut, aber mir bleibt er zu bedeutungsschwer. Er schreibt wie ein Gleichnis, möchte aber als Philosophie gelesen werden.
Grosse Begriffe wie Sinn, Bedeutung, Welt und Sprache werden gesetzt, nicht geprüft. Die Bilder tragen den Text, ersetzen aber stellenweise das Argument. Dadurch entsteht „Tiefengefühl“. Ob daraus wirkliche Tiefe wird, bleibt offen. Ich mag das Vorgegaukelte nicht.
Mein Unbehagen kommt wohl daher: Ich folge einem schönen Ton. Aber ich bin nicht sicher, ob ich am Ende mehr verstanden habe.
Sehr schön - altes Pensionsversicherungsgebäude in der Brigittenau?